Künstler

Cornelia Starke

„2014.01.18″, 2014,
Acryl auf Leinwand, 140 x 160 cm

„2013.12.11″, 2013,
Acryl auf Leinwand, 140 x 160 cm

„Verschwommene Erinnerung“, 2013,
Acryl auf Leinwand, 80 x 100 cm

„Drachen“. 2011,
Acryl auf Leinwand, 60 x 60 cm

„Aufarbeitung“, 2013,
Acryl auf Leinwand, 80 x 100 cm

„2014.01.05″, 2014,
Acryl auf Leinwand, 140 x 160 cm

„2013.11.11″, 2013,
Acryl auf Leinwand, 140 x 120 cm

„2013.10.25″, 2013,
Acryl auf Leinwand, 140 x 180 cm

Arbeitsansatz

An meiner Atelierwand hängt ein kleines Objekt, ein Geschenk meiner damaligen Studentin Cornelia Starke. Es ist eine Mausefalle, darin eine Maus gefangen, eine Computer-Maus! Eine charmante und hintersinnige Idee. Cornelia Starke habe ich als eigenwillige, experimentierfreudige, immer rege Studentin in Erinnerung. Ihr Agieren mit der Kunst war lustorientiert und spielerisch, durchaus im Sinne ihres Profs…
Derzeit bewegt sie sich im Bereich des Informell. Konsequent und scheinbar mit leichter Hand sind differenzierte, anregende Malereien entstanden.

Prof. Sighard Gille

ES SIND EBEN NICHT NUR BILDER

Die Bilder der Reihe „FORMAT 140 X 160 CM“ präsentieren sich ungewöhnlich ostensiv. Großzügig vibrieren überraschende Farbzusammenstellungen in beeindruckend zwanglosen und offenen Formen. Die expressiv abstrakten Kompositionsfiguren finden ihre Ästhetik jenseits einer Gegenständlichkeit oder Figürlichkeit im Sinne der aristotelischen Mimesis (Prinzip der Nachahmung). Es kann passieren, dass der Betrachter glaubt, einen Bildgrund auszumachen, eine Figur zu entdecken, um wenig später festzustellen, dass ihn seine Wahrnehmung täuschte. Die Bilder geben keine beabsichtigte Perspektive vor und scheinen, eine eigenständige Realität zu entwickeln.

Kleinste Linien, Brechungen oder Körnungen finden ihre Bedeutung und zeugen von einer ungewöhnlichen Sensibilität und Detailliebe der Künstlerin Cornelia Starke (*1975, Dresden). In flächigen Schichten brachte sie unterschiedliche Farben und Formen unter Zuhilfenahme einer „Kartätsche“ auf die 140 x 160 cm großen Leinwände. Bei diesem Produktionsprozess entfällt das klassische Oben und Unten der Staffelei. Die Bilder liegen flach auf ihrem Rahmen und Starke schaut auf sie hinab, geht um das Bild herum, bewegt sich frei im Raum.

Die Spuren des selbstgebauten Malerinstruments der Künstlerin sind offensichtlich. Der Begriff „Kartätsche“ stammt aus dem Bauwesen und bezeichnet ein Brett mit Handgriffen, das zum Auftragen und Verteilen von Putz benutzt wird. Mit diesem Werkzeug strukturiert Cornelia Starke, oder sollte man sagen (er)findet sie, Schicht für Schicht und Farbe um Farbe das Bild. Das Ergebnis ist offen; die Künstlerin arbeitet experimentell. Dabei geben ihre individuellen und spontanen Bewegungen den Rhythmus vor: Ein fließender und improvisierter Takt. Durch die Entscheidung für die Kartätsche erübrigen sich die tradierten Bewegungen der Hand mit ihren Fingern, die als Verlängerung des schöpferischen Geistes gelten und traditionellerweise den Pinsel halten. Die Kartätsche provoziert eine neue und unübliche Körperbewegung und ermöglicht dem Kunstwerk so, neuen Raum für seine Entstehung zu erobern – jenseits rationaler Gestaltungsprinzipien. Einen Pinsel mit den Fingern zu führen, würde unmittelbare Kontrolle erfordern – es geht der Künstlerin aber anscheinend um das Gegenteil: Sie will Kontrolle abgeben … loslassen.

Ganz im Gegensatz zu ihren früheren Bildern, in denen Komposition und Farbe einer starken formalen Ordnung folgten, einem konkreten Programm unterlagen. Das neue Konzept ist durch eine Indienreise im Jahr 2013 inspiriert; Starke setzte sich mit traditioneller indischer Musik auseinander und fotografierte damals Häuserwände. Sie war nach eigenen Aussagen einerseits fasziniert vom impulsiven und intuitiven Gestaltungswillen der Menschen und bewunderte gleichzeitig den Einfluss erosionierender Kräfte der Natur auf die einst knallbunten Wände. Vieles findet Eingang im Gebrauch der Kartätsche. Beim Auftrag der Farben verteilen und vermischen sich die Pigmente eigenwillig und spontan.

Auch hier ist es der Künstlerin wichtig, bewusstseinsferne Elemente für ihr Werk nutzbar zu machen, einer Art pollockscher Irrationalität Raum zu geben. So überlässt sie es auch den Ausstellungsmachern und Käufern, die Hängung der einzelnen Bilder festzulegen: „Natürlich favorisiere ich bei einigen Leinwänden eine horizontale oder eben vertikale Hängung, aber eigentlich können die Menschen sie so aufhängen, wie sie die Bilder sehen.“

Johannes Itten sagte einmal: „Das optisch materialisierte Bild ist das Ergebnis seelisch-geistigen Erlebens oder das Zusammenwirken oder Wechselspiel metaphysischer Kräfte.“ Starke kann die Kräfte nicht benennen, die zu ihrer Entscheidung führten, den Pinsel aus der Hand zu legen. Im Gespräch fallen Begriffe wie dionysische Urkraft, Schicksal und göttliche Fügung. Vor einer eindeutigen Festlegung scheut sich die Künstlerin.

Wenn das „optisch materialisierte Bild“ ein Ergebnis „seelisch-geistigen Erlebens“ (intuitive Farbwahl) und/oder dem „Zusammenwirken oder Wechselspiel metaphysischer Kräfte“ ist (spontanes Mischen und Verteilen der Farben mit der Kartätsche), sind die Bilder von Cornelia Starke dann „Acheiropoieta“? Bilder, die nicht von Menschenhand, sondern von einer göttlichen, übernatürlichen Kraft geschaffen worden sind; Kultbilder, wie die Madonnen des Lukas oder die fernöstlichen Ikonen? Der Künstler galt dabei als Medium, als ein Werkzeug Gottes.

Das wäre eine sehr weite Auslegung dieses Begriffs, denn ursprünglich sprach man diesen Bildern eine tatsächliche Wirkkraft zu: Heilige oder Gott selbst kamen in ihnen zur Erscheinung, ihre Macht zeigte sich angeblich augenscheinlich, sie schienen zum Handeln befähigt, ihnen wurden übernatürliche Kräfte zugesprochen. Es kommt darauf an, wie „göttlich“ definiert wird und ob sich eine solche Macht verbildlichen, transformieren lässt. Starke ist der Überzeugung: „Ja – Es sind eben nicht nur Bilder.“

Diese Gedanken wirken neu, sind sie aber nicht. Die Ideen kommen uns fremd vor, da der Mensch der Neuzeit in einem Bild den Gegenstand der Kunst sieht. Eine Auffassung, die in der Renaissance Form annahm und nicht mehr die unmittelbare Evidenz von Augenschein und Sinn vereint sieht. Nach Bildersturm und Reformation ist das Bild als Träger des Geistes abgeschafft worden, nun war es das Wort und die Verknüpfung zwischen Geist und Materie zerbrach. Den Nachweis für diese These führte Hans Belting in dem Standardwerk „Bild und Kult“.

Eine zentrale Bildaufgabe verbindet jedoch beide Auffassungen; eine Bildfunktion, die Cornelia Starke im Werk selbst thematisiert: Die Erinnerung – die nobelste, älteste und wichtigste Aufgabe des Bildes. Am Tag ihrer Fertigstellung gab die Künstlerin dem jeweiligen Bild das zeitgenössische Datum zum Titel. Die Angabe eines Datums – hier eine Art Geburtstag – beschwört zwangsläufig die Erinnerung (Memoria) an eine Person (Imago = Bildnis) oder an eine Erzählung (Historia). Ich frage mich, wie ein abstraktes Bild ohne Gegenstand, ohne Figur die Funktion der Erinnerung wahrnehmen kann?

Ich versuche einen Selbsttest: Ich schlage meinen Kalender auf und überprüfe meine Eintragungen mit den dazu gehörenden Bildern. Das Bild vom 9. Dezember 2013 erinnert in seinen eisigen Farben an die klirrende Kälte eines Wintertages. Am 19. Dezember 2013 findet sich in meinem Notizbuch der Eintrag: „Weihnachtsgeschenke!!!“ – das Bild zu dieser Notiz zeigt rote und weiße Flächen. Ich muss schmunzeln. Am 4. Januar habe ich mit meiner Freundin Johanna telefoniert, und vier Tage später hatte ich einen Friseurtermin und lese dazu: „Kurz oder lang – Was nu?“ Ich denke, das Bild dieses Datums passt perfekt zu meiner Ratlosigkeit.

Die freie und offene Form scheint essentiell zu sein für eine bestimmte Unerschöpflichkeit der Anschauung der Serie „FORMAT 140 X 160 CM“ und genauso ist es wohl auch mit dem Titel. Das Datum, der Tag der Fertigstellung, ist in seinem Zusammenhang immer wieder neu verhandelbar, ein individueller oder auch universeller Abdruck des Augenblicks, der eine beliebige Deutung des Bildes für jeden persönlich unmöglich macht. Cornelia Starke beendete diese Schaffensphase im Sommer 2014. Insgesamt 36 Arbeiten sindentstanden, die keine greifbare kompositionelle Idee erkennen lassen; Bilder, die auf ihre eigenen malerischen Mittel verweisen.

Auf der Suche nach einem ästhetischen Ausdruck, der „das Wesentliche zeigt“, so Starke, (er)fand die Künstlerin ein neues Konzept. Die individuelle Gestalt des Bildes entsteht jetzt dynamisch, transformiert Zeitgenössisches, verbindet Bewusstes und Unbewusstes und verweist so auf eine elementare Verbindlichkeit zwischen Mensch und Kraft, für die es vielleicht kein Wort gibt, sondern „nur“ ein Bild.

Irena Walinda, Kunsthistorikerin M.A.