fragmented realities

Fotografie und Film sind von Anfang an die Medien, mit denen sich Thomas Kutschker parallel beschäftigt. Zunächst analog, dann auch digital. In vielen Arbeiten hinterfragt er subtil den Realitätsanspruch der Bilderzeugungswerkzeuge, der Fotoemulsion, dem Videoband oder dem digitalen file. Das perfekte Bild – je digitaler die Technik, um so leichter scheint es erreichbar zu sein – weckt bei ihm Zweifel: an genau dieser perfekt anmutenden Reproduktion der Wirklichkeit.

Mithilfe eben dieser digitalen Technik dekonstruiert er das strahlende, täuschend echte Abbild als Neuschöpfung des Apparates, als Imagination, die durch Algorithmen und Software vor unseren Augen Gestalt annimmt. Die Erleichterungen digitaler Bildaufzeichnung, vom Autofokus bis zur Lächel-Automatik sind für ihn Einschränkungen. Die Kreativität wächst mit den Herausforderungen.

Wie lässt sich der festgelegte technische Ablauf irritieren, umgehen oder offenlegen? Es geht ihm nicht darum, Wirklichkeit exakt abzubilden, sondern den technischen Apparat in seiner unübersehbaren Funktionsvielfalt spielerisch zu überlisten und sich von den bildnerischen Ergebnissen überraschen zu lassen, um dann eine Auswahl zu treffen.

Seine künstlerische Strategie lässt sich zwischen dokumentarischem Sammeln und der Inszenierung von Realität verorten. Für jede Arbeit wird das konzeptionelle Vorgehen dem jeweiligen Projekt angepasst. Darüber hinaus finden sich wissenschaftlich anmutende Vorgehensweisen in seinem Schaffen. Oder wie will man das Sezieren und Zerlegen eines sechs Sekunden langen Handyvideos einer brennenden Kerze in die 150 Einzelbilder beschreiben? Aus dem Fluss von 25 Bildern pro Sekunde entstehen Einzelbilder, eingefrorene Momentaufnahmen, nicht nur der Kerze, sondern auch der Arbeit des Algorithmus, der uns eine brennende Kerze vorgaukelt. Die entstehenden Fotos sind ästhetisch ansprechend und zollen einem der meist abgebildeten Sujets der Kunstgeschichte, der Kerze, Tribut. Diese Art des seriellen Arbeitens findet sich in vielen seiner fotografischen Arbeiten wieder.

Das Durchdeklinieren von Stofflichkeit und dem Wandel des Materials durch Bearbeitung findet sich auch in den Videoarbeiten. In „Dear T. in B.“ kann man sehen, wie delirierende Bildwelten aus immer wieder kopiertem VHS-Material entstehen. „Me,Myself and I in the Age of Download“ von 2010 kokettiert mit dem Begriff der Versuchsanordnung. Zweiundvierzig Mal (!) wird die digital aufgenommene Szene durch den Kreislauf aus Up- und Download geschickt. Am zunächst unmerklichen Prozess der Verfremdung nimmt der Betrachter im Laufe des Videos teil. Dass der Ton die gleiche Prozedur durchläuft, hört man, wenn überhaupt erst am Ende. Das Ergebnis ist überraschend – und der Mythos vom verlustfreien Kopieren dahin. Das ergebnisoffene Experimentieren ist von Erfolg gekrönt.

Spannend zu sehen, sind die Überschneidungen und gegenseitigen Anregungen, die sich in den Video- und fotografischen Arbeiten finden. Die „digital scapes“ bringen diese Auseinandersetzung mit dem Bewegtbild zurück in das fotografische Bild. Die Neugierde, wie wohl die Kameratechnik darauf reagiert, wenn man sie daran hindert ihren „Job“ zu machen, führt zu irritierenden Landschaftsaufnahmen. Statt perfekte Panoramen zu generieren, werden Sprünge im Raum festgehalten. Oder Wiederholungen ein und des selben Ausschnitts werden hintereinander kopiert, um die Leere, den Mangel an Information zu füllen. In den „digital scapes“ wird somit nicht nur der Raum festgehalten, sondern es spiegelt sich auch der Zeitraum, den der Apparat benötigt, um das Panorama aufzunehmen und zu verarbeiten, in dem fertigen Bild.

Bildteile werden schwarz und grob gepixelt abgespeichert, wenn die Bildinformation fehlt. Oder die Kamera verweigert ihren Dienst und bricht den Bildaufzeichnungsprozess ganz ab. Daraus resultieren die „Kollisionen“. Eine stetig wachsende Sammlung von Bildern, die unvorhersehbar entstehen und meist unzusammenhängende Ausschnitte der Welt miteinander verbinden und verewigen.

Kutschkers sich stets wandelnde Arbeitsweise zeigt in besonderer Art und Weise, in wie weit sich Fotografie vom Dokumentarischen lösen und zu einer Reflexion des Mediums und der Welt werden kann. Seine Arbeiten leben vom Spiel mit der Authentizität und der Konstruiertheit von Bildwelten, die den Betrachter dazu auffordern, eigene Gedanken und Ansichten zu formulieren.

Der renommierte Filmemacher, Fotograf und Kameramann Thomas Kutschker, geboren 1963, lebt und arbeitet in Berlin und Köln. In seiner Geburtsstadt Mannheim hat er immer wieder Ausstellungen in Galerien, Kunsträumen und nimmt an Kunstevents teil.

[Kunst] PROJEKTE ist Teil der „KultTour 2016“ – dem 8ten Interkulturellen Kunst- und Kulturfest in Mannheim (http://www.kulttour-mannheim.de). Im Rahmen des Kulturspaziergangs durch die Neckarstadt-Ost und das Herzogenried zeige ich am 23. und 24.07.2016 Arbeiten der Malerin Cornelia Starke, die in Leipzig lebt und arbeitet – jeweils 15 – 21 Uhr.

Vom 16.09.2016 – 14.10.2016 findet bei [Kunst] PROJEKTE eine Ausstellung der Mannheimer Künstlerinnen Katja Schwinn und Christin Trautmann statt. Die Vernissage ist am 16.09.2016 | 19 Uhr.