Künstler

Daniel Odermatt

„Ankunft“, 2016,
Öl auf Leinwand, 100 x 120 cm

„Ursache und Wirkung“, 2013,
Acryl auf Leinwand, 120 x 200 cm

„Einsicht“, 2012,
Acryl auf Leinwand, 140 x 100 cm

„rötlich“, 2016,
Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm

„Zeit für etwas neues“, 2012,
Acryl auf Leinwand, 60 x 70 cm

Arbeitsweise

Die stumme Sprache der Bilder

Ein junger Mann sitzt auf dem Boden und tippt eine SMS in sein Handy. Doch es ist, wie der Bildtitel verrät, „zu spät“. Wurde da gerade eine Beziehung beendet? Eine Frau ist im Begriff, die Szene zu verlassen. Im Gehen wendet sie sich um zu einer anderen Frau, die den Blick gesenkt hält. „Was bleibt zurück?“, fragt der Titel. Geht
es auch hier um eine Beziehung, um enttäuschte Freundschaft, um Trauer — oder um etwas ganz anderes?

Ein letztes Beispiel: Ein dunkelhäutiger Junge und zwei Frauen sitzen rücklings auf einer Bank. Der Junge dreht sich um, die Lippen geöffnet, den Betrachter überrascht und fragend anblickend. Wie stehen die Personen im Bild, wie der Junge und der Betrachter „zueinander“?

Daniel Odermatts Bilder und Zeichnungen erzählen Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind. Sie behandeln existentielle, häufig zwischenmenschliche Themen (das erklärt die Häufigkeit von Zweifigurenbildern in seinem OEuvre), und sie werfen Fragen auf. Aber nicht nur deshalb sprechen sie den Betrachter unmittelbar
an, lösen sie starke Gefühle aus, sondern auch wegen ihrer einzigartigen, Figuration und Abstraktion verbindenden Bildsprache.

Die Bilder und Zeichnungen entstehen in einem langwierigen, intensiven Prozess, an dessen Anfang ein in der Regel vom Künstler selbst gemachtes digitales Foto steht. Dabei inszeniert Odermatt Situationen mit Freunden und Bekannten, die er dann fotografiert, oder er verwendet zufällige Schnappschüsse mit fremden Personen.
Für das eingangs erwähnte Bild „zu spät“ beispielsweise fotografierte Odermatt mehrfach einen Freund, wie er im Garten auf dem Rasen saß und sich an einen Brunnen lehnte — eine gestellte, arrangierte Situation. Ganz anders war der Ausgangspunkt beim großformatigen Bild „Ursache und Wirkung“. Ihm liegt ein Foto zweier im
Sand spielender Kinder zugrunde, das auf einer Reise durch Ecuador entstand. Von diesem Schnappschuss sind im Bild jedoch lediglich Haltung und Kleidung der Kinder übrig geblieben, Komposition und Kolorit wurden erst im Computer und im Malprozess entwickelt. Für jedes Bild und jede Zeichnung entwirft Odermatt nämlich
mit dem Bildbearbeitungsprogramm Adobe Photoshop eine digitale Skizze, die als Vorlage für die Ausführung auf der Leinwand dient. Einen wesentlichen Anteil am kreativen Prozess macht tatsächlich diese Vorarbeit am Computer aus. Odermatt schneidet die Figuren aus, verändert sie farblich und stellt sie in einen neuen Kontext,
er ergänzt den Himmel und die monochromen Farbflächen, die den Hintergrund der Bilder bilden, arbeitet die Lichter und Schatten heraus. Am Ende steht eine digitale Skizze, in der die Bildkomposition festgelegt ist, während sich im anschließenden Malprozess die Farben häufig noch ändern. Etwa die Hälfte, schätzt der
Künstler, kann er von der Skizze übernehmen, die andere Hälfte folgt den Gesetzmäßigkeiten auf der Leinwand.

Für die Leinwandbilder verwendet Daniel Odermatt Acrylfarben, die er auf der Palette mischt und mit Wasser verdünnt. Er malt nicht alla prima, wie es etwa im Impressionismus und im Expressionismus üblich war, sondern verwendet eine Lasurtechnik, bei der die Farben in vielen, teilweise hauchdünnen Schichten aufgetragen
werden. Da es sich um einen langsamen und langwierigen Prozess handelt (der Künstler arbeitet durchschnittlich vier Wochen an einem Bild), muss Odermatt mitunter Trocknungsverzögerer einsetzen, um genügend Zeit zum Arbeiten zu haben. Er beginnt stets mit den Figuren, mit den Gesichtern und Haaren, es folgen die Körper der Figuren und schließlich der Hintergrund. Ganz am Ende wird ein Firnis aus Acrylharz über die Oberflächen gesprüht. Die Werktitel vergibt der Künstler während des Malens oder nach Abschluss der Arbeit.

Die Zeichnungen sind mit Buntstift, Graphit und Pastellkreide auf Papier gearbeitet. Dargestellt sind hier häufig einzelne, stärker angeschnittene Figuren, zum Beispiel Frauenköpfe im Profil. Sie wirken nachdenklich, in sich versunken. Bemerkenswert ist, wie die Zeichnungen im kleinen Format doch auch alle inhaltlichen und
formalästhetischen Qualitäten der Leinwandbilder haben und damit gleichberechtigt neben den Gemälden stehen. Seine Bildideen entwickelt der Künstler zum einen auf der Grundlage visueller Eindrücke, also aus der Beobachtung und dem fotografischen Fixieren alltäglicher Situationen, Körperhaltungen, Gebärden und Gesten
heraus; zum anderen als rein gedankliche Konzepte, für deren Umsetzung er dann mit Freunden und Bekannten die entsprechenden Fotografien inszeniert.

Entscheidend für die Wirkung der Bilder ist der Kontrast zwischen den naturalistisch gemalten Figuren im Vordergrund und den monochromen, geometrischen, klar voneinander abgegrenzten Farbflächen, die den Fond der Bilder und Zeichnungen bilden. Diese farbigen Flächen, vor, in und zwischen denen die Figuren losgelöst
von ihrem realen Umfeld und bisweilen sonderbar schwerelos erscheinen, haben sowohl eine kompositorische als auch eine inhaltliche Bedeutung. Sie strukturieren die Bildfläche, und sie sind zugleich wesentlicher Bestandteil der Bildaussage, weil sie Distanz zwischen den Figuren schaffen. Auch in den Einfigurenbildern
kommt den Farbflächen diese doppelte Funktion zu. Wenn etwa in „Zeit für etwas neues“ es allein der unterschiedlich gearbeitete Hintergrund — hier eine klare, türkisfarbene, monochrome Fläche, dort ein düsterer Wolkenhimmel, wie er in mehreren Bildern vorkommt — ist, der die Trennung von Vergangenheit und Zukunft
andeutet. Ähnliches gilt für „auf der Suche“. Bisweilen nutzt Odermatt einen illusionistischen Effekt, wenn nämlich seine Figuren buchstäblich in die Komposition eingreifen. So legt in „Einsicht“ die linke der beiden Frauen ihre Hand um die Kante der grauen Fläche über ihren Köpfen und zieht sie nach unten, dabei im oberen
Bilddrittel den Blick auf Himmel und Geäst freigebend. In „Was bleibt zurück?“ greift die linke Figur in einen grauen, Falten werfenden Schleier am linken Bildrand. im nächsten Moment wird sie ihn beiseite schieben und die Szene verlassen.

In den Bildwelten von Daniel Odermatt herrschen eine eigentümliche Stille, Kühle und Melancholie vor. Die Bilder und Zeichnungen haben etwas Verschlossenes und Geheimnisvolles. Odermatts Figuren wirken weder heiter noch glücklich, vielmehr seltsam entrückt. Sie agieren jede für sich, ohne dass eine Interaktion und
Kommunikation stattfindet. Auch wenn sie sich einander zuwenden, finden die Menschen doch nicht zueinander. Sie bleiben einsam.

Es verwundert nicht, dass Daniel Odermatt mit Diego Velázquez, Jan Vermeer und Neo Rauch einige der grossen Figurenmaler der Kunstgeschichte verehrt und mit Gerhard Richter einen Künstler, der souverän die Grenzen zwischen Figuration und Abstraktion überschreitet. Odermatts Kunst, die Bezüge zum Magischen und zum Fotorealismus ebenso wie zur geometrisch-konstruktiven und zur Farbflächenmalerei aufweist, vereinigt so unterschiedliche Ansätze wie Figuration und Abstraktion, Intuition und Konstruktion, digitale und analoge Werkprozesse. Daniel Odermatt hat bereits in nur wenigen Jahren künstlerischer Praxis – er malt und zeichnet seit 2010 – eine bemerkenswerte, eigene Position entwickelt. Auf sein weiteres Schaffen darf man gespannt sein.

© Prof. Dr. Christoph Zuschlag, Juni 2013